CJC-1295
Endogene Wachstumshormon- und IGF-1-Erhöhung über den GHRH-Rezeptor; ursprünglich für HIV-Lipodystrophie untersucht.
Zuletzt aktualisiert: 19. August 2026 · Version 1.0
Evidenzlage
unzureichendHumandaten vorhandenDatenlage lässt keine Aussage zur Wirkung beim Menschen zu.
Die publizierte Humanevidenz beschränkt sich auf zwei kleine Phase-1/2-Arbeiten an gesunden Probanden aus dem Jahr 2006. Es gibt keine Phase-3-Daten, keine positive Zulassungsbewertung und keine Langzeit-Sicherheitsdaten. Für die in der Community verbreitete Kombination mit Ipamorelin existiert keine kontrollierte Humanstudie.
Verwendete Quellen nach Studientyp
- Randomisierte Humanstudien1
- Sonstige Humandaten1
- Tierstudien2
- In-vitro-Daten0
- Mechanistische Evidenz1
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CJC-1295 ist ein synthetisches Analog des Growth-Hormone-Releasing Hormone (GHRH), entwickelt vom kanadischen Unternehmen ConjuChem Biotechnologies. Der Wirkstoff existiert in zwei pharmakologisch sehr unterschiedlichen Varianten — mit und ohne “Drug Affinity Complex” (DAC) — die in der Community pauschal als “CJC-1295” bezeichnet werden. Die klinische Entwicklung wurde 2006 nach einem Todesfall in einer Phase-2-Studie eingestellt und nicht wieder aufgenommen; eine Arzneimittelzulassung existiert weltweit nicht.
DAC oder nicht DAC: der zentrale Unterschied
Das Grundgerüst beider Varianten leitet sich vom Sermorelin ab — den ersten 29 Aminosäuren des humanen GHRH — trägt aber vier stabilisierende Substitutionen: D-Ala² blockiert die DPP-4-Spaltung, Gln⁸ verhindert Deamidierung, Ala¹⁵ erhöht die Bioaktivität, Leu²⁷ verhindert Oxidation. Diese modifizierte 29-Aminosäure-Variante heißt Modified GRF (1-29) oder MOD-GRF 1-29 — in der Community “CJC-1295 ohne DAC”. Ihre Halbwertszeit beträgt rund 30 Minuten und ist damit mit Sermorelin vergleichbar.
Für die DAC-Variante wird zusätzlich an Position 30 ein Lysin mit einer Maleimidopropionyl-Gruppe angehängt. Diese reagiert nach subkutaner Injektion kovalent (Thioether-Bindung) mit der freien Thiolgruppe an Cystein-34 des zirkulierenden Serumalbumins. Der resultierende Peptid-Albumin-Komplex ist vor renaler Filtration und proteolytischer Clearance geschützt und zirkuliert mit einer Halbwertszeit von 5,8 bis 8,1 Tagen (Teichman et al., 2006). Das ist das eigentlich Neue an CJC-1295 mit DAC — und der Grund, warum in der wissenschaftlichen Primärliteratur “long-acting CJC-1295” immer die DAC-Variante meint.
Studienlage
Die publizierte Humanevidenz besteht im Kern aus zwei Arbeiten von 2006:
Teichman et al. 2006 ist die zentrale klinische Studie: zwei randomisierte, placebokontrollierte, doppelblinde Dosis-Eskalations-Studien über 28 und 49 Tage an gesunden Probanden im Alter von 21 bis 61 Jahren. Nach Einzeldosen CJC-1295 mit DAC stieg das Wachstumshormon dosisabhängig auf das 2- bis 10-fache und blieb mindestens sechs Tage erhöht; IGF-1 stieg auf das 1,5- bis 3-fache und blieb 9 bis 11 Tage über dem Ausgangswert. Nach Mehrfachdosen blieb IGF-1 bis zu 28 Tage erhöht. Die Substanz wurde als “safe and relatively well tolerated” beschrieben, besonders bei Dosen von 30 oder 60 µg/kg.
Ionescu und Frohman 2006 zeigten, dass die pulsatile GH-Freisetzung trotz kontinuierlicher GHRH-Rezeptor-Stimulation erhalten bleibt — ein pharmakologisch relevantes Merkmal gegenüber der direkten exogenen GH-Gabe.
Präklinisch belegen Jetté et al. 2005 die kovalente Bindung an Albumin in Ratten und Cynomolgus-Affen, und Alba et al. 2006 zeigen, dass tägliche Gabe das Wachstum bei GHRH-Knockout-Mäusen normalisiert; Dosierungen alle 48 oder 72 Stunden waren weniger wirksam.
Der Entwicklungsstopp 2006
ConjuChem entwickelte CJC-1295 primär für HIV-assoziierte Lipodystrophie und für Wachstumshormonmangel. Die Phase-2-Studie war multizentrisch, randomisiert, doppelblind und placebokontrolliert; sie umfasste 192 Patienten mit HIV-assoziierter viszeraler Adipositas an Standorten in Nord- und Südamerika. Die Teilnehmer erhielten über 12 Wochen wöchentliche subkutane Injektionen.
Am 13. Juli 2006 erhielt ein Teilnehmer an einem argentinischen Studienzentrum seine 11. Wochendosis. Etwa zwei Stunden später traten Brustschmerzen auf; ein EKG bestätigte einen akuten Myokardinfarkt. Der Patient verstarb rund eine Stunde später. Der behandelnde Arzt hielt eine asymptomatische koronare Herzkrankheit mit Plaqueruptur für die wahrscheinlichste Ursache und beurteilte den Tod als nicht mit CJC-1295 assoziiert. Präklinisch und in früheren klinischen Studien waren keine kardiotoxischen Effekte aufgefallen. Am 17. Juli 2006 stoppte ConjuChem die Studie und beendete das Entwicklungsprogramm als Vorsichtsmaßnahme; es wurde nicht wieder aufgenommen.
In Community-Diskussionen kursiert eine Variante dieses Ereignisses als “Frankreich-Fall”. In der zugänglichen Primärliteratur und in seriösen Sekundärquellen findet sich dafür kein Beleg. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Verwechslung mit Henninge et al. 2010 — einer forensischen Identifikation von CJC-1295 in einer von der norwegischen Polizei beschlagnahmten Präparation, ohne Todesfall.
Kombination mit Ipamorelin
Die in der Peptid-Community verbreitete Kombination CJC-1295 (mit oder ohne DAC) mit Ipamorelin basiert auf einer plausiblen Rationale: GHRH-Agonismus plus Ghrelin-Rezeptor-Agonismus sollen die GH-Freisetzung synergistisch erhöhen. Klinische Studien zu dieser Kombination am Menschen existieren nicht. Präklinische Hinweise beschränken sich auf Zell- und Tiermodelle. Aussagen zur Sicherheit und Wirksamkeit der Kombination sind nicht durch kontrollierte Endpunktdaten gedeckt.
Sicherheit
Belege aus der klinischen Primärliteratur sind schmal, weil die Entwicklung 2006 gestoppt wurde. In Teichman 2006 traten bei gesunden Erwachsenen unter Einzel- und Mehrfachdosen bis 60 µg/kg keine schweren Nebenwirkungen auf; berichtet wurden Injektionsstellen-Reaktionen, transiente Kopfschmerzen und Flushing — ein typisches GHRH-Analog-Profil.
Der argentinische Todesfall (akuter Myokardinfarkt zwei Stunden nach 11. Wochendosis) wurde vom Studienarzt als nicht mit CJC-1295 assoziiert bewertet; ein kardiotoxisches Signal in Präklinik oder früherer Klinik lag nicht vor. Weitere Untersuchungen dieses Signals gab es nach dem Entwicklungsstopp jedoch nicht.
Aus dem GH- und IGF-1-Klasseneffekt sind für die Langzeitanwendung Insulinresistenz und Hyperglykämie, Flüssigkeitsretention, Ödeme, Karpaltunnelsyndrom sowie eine theoretische Beeinflussung subklinischer Neoplasien plausibel. Für CJC-1295 selbst sind diese Effekte in der chronischen Anwendung nicht systematisch quantifiziert. Langzeit-Sicherheitsdaten am Menschen über zwölf Monate existieren nicht.
Regulatorik
USA: Keine FDA-Zulassung. Am 20. September 2023 kündigte die FDA an, alle CJC-1295-Varianten (Free Base und Acetat, mit und ohne DAC) im Pharmacy Compounding Advisory Committee zu bewerten. Ergebnis: Einstufung in Kategorie 2 der interim 503A-Bulks-Liste (“significant safety risks”). Damit ist Bulk-Compounding in 503A-Apotheken faktisch nicht mehr zulässig (FDA, 2023).
EU/DE: Kein Arzneimittelstatus, keine laufende EMA-Bewertung. In Deutschland fällt die Anwendung am Menschen unter den Zulassungsvorbehalt des AMG. Details zur Rechtslage stehen im Rechtsstatus-Guide.
WADA: Verboten unter S2.2.4 (Growth Hormone-Releasing Factors), namentlich gelistet — neben CJC-1293, Sermorelin und Tesamorelin. Verbot gilt in und außer Wettkampf.
Einordnung
CJC-1295 ist ein interessantes pharmakologisches Konzept: die kovalente Albumin-Kopplung verwandelt einen kurzlebigen GHRH-Analogon in einen wirkstoff mit tagelanger Wirkdauer. Die klinischen Belege dafür sind allerdings schmal und alt — zwei Phase-1/2-Studien aus 2006, kein Phase 3, kein Zulassungsantrag mehr seit dem Studienabbruch. Für die Kombination mit Ipamorelin, die im Grey Market fast synonym mit CJC-1295 verwendet wird, gibt es überhaupt keine kontrollierten Daten.
Wer CJC-1295 anwendet, entscheidet sich für einen Wirkstoff, dessen Sicherheitsprofil auf einer Studienbasis von zwei Dutzend gesunden Probanden über wenige Wochen ruht — mit einem tödlichen kardialen Ereignis in der einzigen Phase-2-Studie, dessen Kausalitätsbewertung nie unabhängig überprüft wurde, weil die Entwicklung stoppte.
Regulatorischer Status
| EU und Deutschland | Kein Arzneimittel, keine Zulassung, keine laufende EMA-Bewertung. Anwendung am Menschen fällt unter den Zulassungsvorbehalt des Arzneimittelgesetzes. |
|---|---|
| USA | Keine FDA-Zulassung. Seit September 2023 alle Varianten in Kategorie 2 der 503A-Bulks-Liste eingestuft; Bulk-Compounding faktisch nicht mehr zulässig. |
| Wettkampfsport (WADA) | Verboten unter S2.2.4 (Growth Hormone-Releasing Factors) — namentlich gelistet, ganzjährig in und außer Wettkampf. |
Stand: 19. August 2026.
Technische Daten (Steckbrief)
| Typ | Synthetisches GHRH-Analog auf Basis von Modified GRF (1-29); zwei Varianten mit und ohne DAC |
|---|---|
| Molekulargewicht mit DAC | ca. 3.647 g/mol |
| Halbwertszeit mit DAC | 5,8 bis 8,1 Tage (kovalente Albumin-Bindung) |
| Halbwertszeit ohne DAC | ca. 30 Minuten |
| Herkunft | Entwickelt von ConjuChem Biotechnologies (Montreal, Kanada) |
| Evidenzlage | Zwei kleine Phase-1/2-Studien an gesunden Probanden (2006); keine Phase-3-Daten |
| Entwicklungsstopp | Juli 2006 nach tödlichem Myokardinfarkt in Phase 2 (Kausalität als nicht substanzassoziiert bewertet) |
| Zulassungsstatus USA | Keine FDA-Zulassung; alle Varianten seit 2023 in Kategorie 2 der 503A-Bulks-Liste |
| Zulassungsstatus EU/DE | Keine Zulassung, kein Fertigarzneimittel |
| WADA-Status | Verboten, S2.2.4 (Growth Hormone-Releasing Factors), namentlich gelistet |
Verwandte Peptide
Häufig gemeinsam betrachtet. Die Kennzeichnung zeigt, ob eine Kombination wissenschaftlich untersucht oder lediglich in der Community verbreitet ist.
Ipamorelin
Community-Kombination ohne StudienlageIn der Peptid-Community wird CJC-1295 häufig mit Ipamorelin kombiniert. Die pharmakologische Rationale — GHRH-Agonist plus Ghrelin-Rezeptor-Agonist — ist plausibel; kontrollierte Humanstudien zur Kombination existieren nicht.
Tesamorelin
Gleiches AnwendungsgebietBeide sind GHRH-Analoga. Tesamorelin ist in den USA für HIV-assoziierte Lipodystrophie zugelassen; CJC-1295 wurde für dieselbe Indikation entwickelt, die Entwicklung aber 2006 eingestellt.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen CJC-1295 mit und ohne DAC?
Beide teilen dasselbe 29-Aminosäure-Grundgerüst (Modified GRF 1-29) mit vier Substitutionen, die es gegen Plasmaproteasen stabilisieren. Nur die DAC-Variante hat zusätzlich an Position 30 ein Lysin mit einer Maleimidopropionyl-Gruppe, die kovalent an Serumalbumin bindet. Dadurch verlängert sich die Halbwertszeit von etwa 30 Minuten (ohne DAC) auf 5,8 bis 8,1 Tage (mit DAC). In der Community werden beide als "CJC-1295" bezeichnet; pharmakologisch sind es sehr verschiedene Moleküle.
Ist CJC-1295 als Arzneimittel zugelassen?
Nein. Weltweit gibt es keine Zulassung in einer Indikation. Die klinische Entwicklung wurde 2006 eingestellt; seit 2023 hat die FDA alle Varianten in die Kategorie 2 der 503A-Bulks-Liste eingestuft, sodass auch Bulk-Compounding in den USA faktisch nicht mehr zulässig ist.
Warum wurde die klinische Entwicklung eingestellt?
Im Juli 2006 verstarb ein Teilnehmer einer Phase-2-Studie zur HIV-assoziierten Lipodystrophie an einem argentinischen Studienzentrum etwa zwei Stunden nach der 11. wöchentlichen Dosis an einem akuten Myokardinfarkt. Der Studienarzt hielt eine vorbestehende koronare Herzkrankheit für die wahrscheinlichste Ursache und beurteilte den Tod als nicht mit CJC-1295 assoziiert. Der Sponsor beendete das Programm dennoch als Vorsichtsmaßnahme und nahm es nicht wieder auf. In der Peptid-Community kursiert eine Version dieses Ereignisses als "Frankreich-Fall" — dieser lässt sich in der Primärliteratur nicht belegen.
Was ist zur Kombination mit Ipamorelin belegt?
Die pharmakologische Rationale — GHRH-Agonist plus Ghrelin-Rezeptor-Agonist — ist plausibel, aber es gibt keine publizierte kontrollierte Humanstudie zu dieser Kombination. Aussagen wie "synergistischer GH-Pulse ohne Cortisol-Anstieg" sind für die Kombination nicht durch klinische Endpunktdaten belegt.
Wie lange bleibt IGF-1 nach einer Dosis erhöht?
In der Referenzstudie an gesunden Erwachsenen stieg IGF-1 nach Einzeldosen CJC-1295 mit DAC auf das 1,5- bis 3-fache und blieb 9 bis 11 Tage erhöht; nach Mehrfachdosen bis zu 28 Tage. Wachstumshormon selbst stieg auf das 2- bis 10-fache und blieb mindestens sechs Tage erhöht. Diese Werte gelten für die DAC-Variante — ohne DAC ist der Effekt entsprechend der kurzen Halbwertszeit sehr viel kürzer.
Dürfen Wettkampfsportler CJC-1295 verwenden?
Nein. Die WADA führt CJC-1295 namentlich unter Kategorie S2.2.4 (Growth Hormone-Releasing Factors); die Substanz ist ganzjährig verboten. Auch das Schwesteranalog CJC-1293 ist explizit gelistet.
Quellen
7 Quellen · 86 Prozent hohe Quellenqualität · 43 Prozent von Gruppen ohne erkennbares Eigeninteresse
- 1.Teichman SL et al., 2006Qualität hochMensch: Zwei randomisierte, placebokontrollierte, doppelblinde Dosis-Eskalations-Studien (28 und 49 Tage), gesunde Probanden 21–61 JahreEigeninteresse möglich
Prolonged stimulation of growth hormone (GH) and insulin-like growth factor I secretion by CJC-1295, a long-acting analog of GH-releasing hormone, in healthy adults · Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism
Zentrale klinische Referenzarbeit für die DAC-Variante; Ergebnisse zu GH-, IGF-1-Verlauf und Sicherheit.
- 2.Ionescu M et al., 2006Qualität mittelMensch: Gesunde Probanden, Zeitaufgelöste GH-MessungEigeninteresse möglich
Pulsatile secretion of growth hormone (GH) persists during continuous stimulation by CJC-1295, a long-acting GH-releasing hormone analog · Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism
- 3.Jetté L et al., 2005Qualität hochTier: Ratten, Cynomolgus-AffenEigeninteresse möglich
- 4.Alba M et al., 2006Qualität hochTier: GHRH-Knockout-MäuseEigeninteresse möglich
Once-daily administration of CJC-1295, a long-acting growth hormone-releasing hormone (GHRH) analog, normalizes growth in the GHRH knockout mouse · American Journal of Physiology – Endocrinology and Metabolism
- 5.Henninge J et al., 2010Qualität hochÜbersichtsarbeit: LC-HRMS-Charakterisierung einer beschlagnahmten Präparation
Identification of CJC-1295, a growth-hormone-releasing peptide, in an unknown pharmaceutical preparation · Drug Testing and Analysis
- 6.FDA et al., 2023Qualität hochBehörde
Interim Policy on Compounding Using Bulk Drug Substances Under Section 503A
- 7.World Anti-Doping Agency et al., 2026Qualität hochBehörde
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Alle Inhalte dienen ausschließlich Informations- und Bildungszwecken und sind keine medizinische Beratung, Diagnose oder Therapieempfehlung. Viele der beschriebenen Peptide sind nicht als Arzneimittel zugelassen. Die Informationsbeschaffung und jede Anwendung liegen in der eigenen Verantwortung der Leser und erfolgen auf eigene Gefahr. Sprich vor gesundheitsbezogenen Entscheidungen mit einem Arzt.Vollständiger Disclaimer