Tesamorelin
Viszerales Bauchfett bei HIV-assoziierter Lipodystrophie, Leberfett bei HIV, GH- und IGF-1-Achse.
Zuletzt aktualisiert: 19. August 2026 · Version 1.0
Evidenzlage
moderatHumandaten vorhandenHumandaten vorhanden, aber begrenzt in Zahl, Größe oder Unabhängigkeit.
In der einen zugelassenen Indikation (HIV-assoziierte Lipodystrophie) mehrfach reproduzierte randomisierte Humandaten aus Phase 3 mit über 800 Teilnehmern. Belastbare Evidenz zu Leberfett und NAFLD bei HIV. Für alle Anwendungen außerhalb dieser Indikation — also insbesondere bei gesunden Personen, Adipositas, Anti-Aging oder Bodybuilding — keine kontrollierten Wirksamkeits- oder Sicherheitsdaten.
Verwendete Quellen nach Studientyp
- Randomisierte Humanstudien5
- Sonstige Humandaten0
- Tierstudien0
- In-vitro-Daten0
- Mechanistische Evidenz1
Wissenschaftlich geprüft am
Tesamorelin ist eines der seltenen Peptide, das den Weg durch ein reguläres Zulassungsverfahren geschafft hat — allerdings nur in einem Land und nur für eine sehr eng umrissene Indikation. In den USA ist es seit November 2010 als Egrifta zugelassen, mittlerweile in drei Formulierungen (Egrifta 2010, Egrifta SV 2019, Egrifta WR 2025). Die zugelassene Anwendung: Reduktion des exzessiven viszeralen Fettgewebes bei erwachsenen HIV-Patienten mit Lipodystrophie. Alle anderen Anwendungen sind Off-Label.
In der EU ist Tesamorelin nicht zugelassen. Der Antragsteller Ferrer Internacional zog den Antrag 2012 zurück, nachdem der CHMP-Ausschuss fehlende Langzeit-Sicherheitsdaten zum IGF-1-Anstieg und fehlende kardiovaskuläre Endpunkte bemängelt hatte.
Was Tesamorelin biologisch macht
Tesamorelin ist ein Analog des Growth Hormone-Releasing Hormone (GHRH) mit 44 Aminosäuren. Eine trans-3-Hexenoyl-Modifikation am N-Terminus verzögert den enzymatischen Abbau durch DPP-4 und verlängert die Halbwertszeit gegenüber nativem GHRH.
Der Wirkstoff aktiviert den GHRH-Rezeptor auf somatotropen Zellen der Adenohypophyse. Das stimuliert die pulsatile Ausschüttung von körpereigenem Wachstumshormon (GH), die negative Rückkopplung über Somatostatin und IGF-1 bleibt dabei erhalten — anders als bei direkter exogener GH-Gabe. Der Anstieg des hepatisch produzierten IGF-1 ist der pharmakodynamische Biomarker für die Wirksamkeit.
Studienlage in der zugelassenen Indikation
Falutz 2007: die Grundlagenstudie
Die zulassungsrelevante Phase-3-Studie umfasste 412 HIV-Patienten mit abdomineller Fettansammlung, überwiegend Männer, randomisiert 2:1 auf Tesamorelin 2 mg täglich oder Placebo über 26 Wochen (Falutz et al., 2007). Primärer Endpunkt war die prozentuale Veränderung des viszeralen Fettgewebes im CT.
Ergebnis: Das viszerale Fett sank unter Tesamorelin um 15,2 Prozent, während es unter Placebo um 5,0 Prozent zunahm (p < 0,001). Zusätzlich sanken Triglyzeride und Gesamt- sowie LDL-Cholesterin, IGF-1 stieg signifikant an. Die häufigsten Nebenwirkungen waren Injektionsstellen-Reaktionen.
Extension und gepoolte Analyse
Die 26-wöchige Extension der Grundlagenstudie zeigte, dass die VAT-Reduktion unter fortlaufender Behandlung nach 52 Wochen mit −18 Prozent gegenüber Baseline stabil blieb. Nach Absetzen war der Effekt nicht mehr nachweisbar (Falutz et al., 2008).
Die gepoolte Analyse zweier Phase-3-Studien mit 806 Patienten bestätigte eine VAT-Reduktion von 15,4 Prozent nach 26 Wochen und einen dosisabhängigen IGF-1-Anstieg, der überwiegend im physiologischen Bereich blieb (Falutz et al., 2010).
Stanley 2014 und 2019: Leberfett und NAFLD
Zwei unabhängige akademische Studien am Massachusetts General Hospital untersuchten die Wirkung auf Leberfett. In einer randomisierten Studie an 50 HIV-Patienten reduzierte Tesamorelin über 6 Monate das per MRS gemessene Leberfett — unabhängig von der Reduktion des viszeralen Fetts (Stanley et al., 2014).
Die Folgestudie an 61 HIV-Patienten mit NAFLD über 12 Monate zeigte, dass 35 Prozent der Tesamorelin-Gruppe eine Hepatic Fat Fraction unter 5 Prozent erreichten, gegenüber 4 Prozent unter Placebo (p = 0,0069). Fibroseprogression trat unter Tesamorelin bei 2 von 32 Teilnehmern auf, unter Placebo bei 9 von 29 (p = 0,044) (Stanley et al., 2019).
Clemmons 2017: Sicherheit bei Typ-2-Diabetes
Eine kleinere Studie an 53 Patienten mit stabilem Typ-2-Diabetes über 12 Wochen prüfte die metabolische Sicherheit. Der HbA1c-Verlauf war unter 2 mg Tesamorelin ungünstiger als unter Placebo — ein Signal, das mit der im FDA-Label beschriebenen erhöhten Diabetes-Häufigkeit übereinstimmt (Clemmons et al., 2017).
Was außerhalb der zugelassenen Indikation belegt ist
Praktisch nichts. Alle publizierten Wirksamkeits- und Sicherheitsdaten stammen aus HIV-Populationen oder aus der kleinen Diabetes-Sicherheitsstudie. Zu den in der Community verbreiteten Anwendungen — Adipositas ohne HIV, viszerales Fett bei gesunden Personen, Anti-Aging, Bodybuilding-Kontexte — gibt es keine kontrollierten Studien.
Eine laufende Studie (NCT03375788) untersucht Tesamorelin bei NAFLD ohne HIV; eine Peer-Review-Publikation der vollständigen Ergebnisse liegt zum Recherchestand nicht vor. Bis diese vorliegen, ist die Übertragung der HIV-Daten auf eine allgemeine Population wissenschaftlich nicht abgesichert.
Sicherheit
Die häufigsten Nebenwirkungen sind Injektionsstellen-Reaktionen (Rötung, Blutergüsse, Schmerz, Juckreiz), Arthralgien, Myalgien, periphere Ödeme und Parästhesien.
Zwei Signale verdienen besondere Aufmerksamkeit. Erstens: Der IGF-1-Anstieg war ausgeprägt. In den Phase-3-Daten überschritten 47 Prozent der Behandelten 2 Standardabweichungen über dem Alters- und Geschlechtsmedian, 36 Prozent überschritten 3 SDS. Der theoretische Bezug ist die Rolle von IGF-1 im Tumorwachstum — das ist der zentrale Grund, warum die Zulassung auf HIV-Lipodystrophie begrenzt ist und warum bei aktiver Malignität kontraindiziert.
Zweitens: Neu manifestierter Diabetes trat unter Tesamorelin etwa 3,3-fach häufiger auf als unter Placebo (Hazard Ratio 3,3, 95 %-KI 1,4–9,6). Der Anteil mit HbA1c über 6,5 Prozent nach 26 Wochen lag bei 4,5 Prozent unter Tesamorelin gegen 1,3 Prozent unter Placebo.
Kontraindiziert ist Tesamorelin bei aktiver Malignität, bei gestörter Hypothalamus-Hypophysen-Achse (nach Hypophysektomie, Hypopituitarismus, Schädelbestrahlung oder Kopfverletzung), in der Schwangerschaft und bei bekannter Überempfindlichkeit.
Zulassungsstatus und WADA
In den USA ist Tesamorelin verschreibungspflichtig und ausschließlich für die HIV-assoziierte Lipodystrophie zugelassen. Die FDA führt den Wirkstoff auf der Interim Bulks List (Kategorie 2, “significant safety risk”); das schränkt das Compounding aus Bulk-API in 503A-Apotheken faktisch ein.
In Deutschland und der EU ist Tesamorelin nicht zugelassen; über eine reguläre Apotheke ist es damit nicht erhältlich. Details zur deutschen Rechtslage stehen im Rechtsstatus-Guide.
Für Wettkampfsportler ist die Lage eindeutig: Die WADA führt Tesamorelin namentlich unter Kategorie S2.2 (Growth hormone-releasing factors, zusammen mit CJC-1293, CJC-1295 und Sermorelin). Die Substanz ist ganzjährig verboten, unabhängig von der US-Zulassung für eine bestimmte Indikation.
Einordnung
Tesamorelin ist der wissenschaftlich am besten belegte Wirkstoff dieser Kategorie — allerdings nur in seiner engen Zulassungsindikation. Für alle anderen Anwendungen fehlen kontrollierte Daten. Der Wirkstoff hat mit der EMA-Rücknahme 2012 gezeigt, dass die vorhandenen Sicherheitsdaten für eine breitere Zulassung nicht ausreichten — insbesondere der IGF-1-Anstieg und das Diabetes-Signal sind zentrale Vorbehalte.
Für die HIV-assoziierte Lipodystrophie ist Tesamorelin in den USA eine zugelassene, wirksame und ausreichend charakterisierte Therapieoption. Für alle Anwendungen darüber hinaus gilt: Es fehlen die Daten, auf denen eine belastbare Aussage stehen könnte.
Regulatorischer Status
| EU und Deutschland | Nicht als Arzneimittel zugelassen. Der Zulassungsantrag wurde 2011 bei der EMA eingereicht und vom Antragsteller Ferrer Internacional 2012 zurückgezogen. Der CHMP bemängelte fehlende Langzeit-Sicherheitsdaten zum IGF-1-Anstieg und fehlende kardiovaskuläre Endpunkte. |
|---|---|
| USA | Zugelassen (FDA) als Egrifta (2010), Egrifta SV (2019) und Egrifta WR (2025). Einzige Indikation: Reduktion des exzessiven viszeralen Fettgewebes bei erwachsenen HIV-Patienten mit Lipodystrophie. Alle anderen Anwendungen sind Off-Label; Bulk-Compounding ist wegen der FDA-Kategorie-2-Einstufung faktisch eingeschränkt. |
| Wettkampfsport (WADA) | Verboten unter S2.2 (Growth hormone-releasing factors), namentlich gelistet — sowohl im Wettkampf als auch außerhalb. |
Stand: 19. August 2026.
Technische Daten (Steckbrief)
| Typ | Synthetisches 44-Aminosäure-Peptid (GHRH-Analog mit N-terminaler Fettsäure-Modifikation) |
|---|---|
| Molekulargewicht | ca. 5.136 Da |
| Herkunft | Entwickelt von Theratechnologies (Montreal, Kanada) unter dem Code TH9507 |
| Evidenzlage | Fünf randomisierte kontrollierte Humanstudien in der zugelassenen Indikation |
| Zulassungsstatus USA | Zugelassen (Egrifta / Egrifta SV / Egrifta WR) — HIV-assoziierte Lipodystrophie |
| Zulassungsstatus EU/DE | Nicht zugelassen (EMA-Antrag 2012 zurückgezogen) |
| WADA-Status | Verboten, S2.2 (Growth hormone-releasing factors), namentlich gelistet |
| Darreichung in Studien | Subkutane Injektion, einmal täglich; Egrifta SV liefert 1,4 mg aus einem 2-mg-Vial, Egrifta WR 1,28 mg aus einem 11,6-mg-Vial |
In Studien untersucht bei
Verwandte Peptide
Häufig gemeinsam betrachtet. Die Kennzeichnung zeigt, ob eine Kombination wissenschaftlich untersucht oder lediglich in der Community verbreitet ist.
Häufige Fragen
Ist Tesamorelin in Deutschland zugelassen?
Nein. Der Zulassungsantrag wurde 2011 bei der EMA eingereicht und vom Antragsteller Ferrer Internacional 2012 zurückgezogen. Der CHMP hatte fehlende Langzeit-Sicherheitsdaten zum IGF-1-Anstieg und fehlende kardiovaskuläre Endpunkte kritisiert.
Wofür ist Tesamorelin in den USA zugelassen?
Ausschließlich zur Reduktion des exzessiven viszeralen Fettgewebes bei erwachsenen HIV-Patienten mit Lipodystrophie. Die zugelassene Dosis wird subkutan einmal täglich verabreicht. Bei Egrifta SV liefert das 2-mg-Vial nach Rekonstitution 1,4 mg pro Injektion (0,35 mL); bei Egrifta WR (Formulierung ab 2025) liefert das 11,6-mg-Vial 1,28 mg pro Injektion (0,16 mL bei 8 mg/mL). SV und WR sind nicht substituierbar.
Hilft Tesamorelin bei allgemeiner Adipositas oder Bauchfett ohne HIV?
Für Anwendungen außerhalb der HIV-assoziierten Lipodystrophie gibt es keine kontrollierten Wirksamkeits- oder Sicherheitsdaten. Die publizierten Effektstärken zu viszeralem Fett und Leberfett stammen ausschließlich aus HIV-Populationen und sind nicht ohne Weiteres übertragbar.
Was ist über die Wirkung auf Leberfett bekannt?
Bei HIV-Patienten reduzierte Tesamorelin in einer randomisierten Studie über 12 Monate die Hepatic Fat Fraction; 35 Prozent der Behandelten erreichten Werte unter 5 Prozent gegenüber 4 Prozent unter Placebo. Die Fibroseprogression war unter Tesamorelin niedriger. Für Non-HIV-MASLD liegt keine vergleichbar große Studie vor.
Welche Nebenwirkungen sind dokumentiert?
Häufig sind Injektionsstellen-Reaktionen, Arthralgien, periphere Ödeme und Parästhesien. Der IGF-1-Anstieg überschritt bei 47 Prozent der Behandelten 2 SDS. Neu manifestierter Diabetes trat unter Tesamorelin etwa 3,3-fach häufiger auf als unter Placebo. Kontraindiziert ist die Anwendung bei aktiver Malignität und bei Störungen der Hypothalamus-Hypophysen-Achse.
Dürfen Wettkampfsportler Tesamorelin verwenden?
Nein. Die WADA führt Tesamorelin namentlich unter Kategorie S2.2 (Growth hormone-releasing factors); die Substanz ist ganzjährig verboten, unabhängig von der zugelassenen Indikation in den USA.
Quellen
9 Quellen · 89 Prozent hohe Quellenqualität · 56 Prozent von Gruppen ohne erkennbares Eigeninteresse
- 1.Falutz J et al., 2007Qualität hochMensch: 412 HIV-Patienten mit abdomineller Fettansammlung, 26 WochenEigeninteresse möglich
Metabolic effects of a growth hormone-releasing factor in patients with HIV · New England Journal of Medicine
Zulassungsrelevante Phase-3-Studie, doppelblind, placebokontrolliert, multizentrisch.
- 2.Falutz J et al., 2008Qualität hochMensch: 52-Wochen-Extension der GrundlagenstudieEigeninteresse möglich
Long-term safety and effects of tesamorelin in HIV patients with abdominal fat accumulation · AIDS
- 3.Falutz J et al., 2010Qualität hochMensch: Gepoolte Analyse aus zwei Phase-3-Studien, 806 PatientenEigeninteresse möglich
Effects of tesamorelin (TH9507), a growth hormone-releasing factor analog, in HIV-infected patients with excess abdominal fat: a pooled analysis of two multicenter, double-blind, placebo-controlled phase 3 trials · Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism
- 4.Stanley TL et al., 2014Qualität hochMensch: 50 HIV-Patienten, 6 Monate
Unabhängige akademische Studie (MGH Boston), untersucht Leberfett unabhängig vom VAT-Effekt.
- 5.Stanley TL et al., 2019Qualität hochMensch: 61 HIV-Patienten mit NAFLD über 12 Monate
Effects of tesamorelin on non-alcoholic fatty liver disease in HIV: a randomised, double-blind, multicentre trial · Lancet HIV
- 6.Clemmons DR et al., 2017Qualität mittelMensch: 53 Patienten mit stabilem Typ-2-Diabetes, 12 WochenEigeninteresse möglich
Kleinere Sicherheitsstudie, unter 2 mg ungünstigerer HbA1c-Verlauf gegenüber Placebo.
- 7.FDA et al., 2019Qualität hochBehörde
- 8.European Medicines Agency et al., 2012Qualität hochBehörde
Withdrawal of the marketing authorisation application for Egrifta (tesamorelin)
- 9.World Anti-Doping Agency et al., 2026Qualität hochBehörde
Alle Inhalte dienen ausschließlich Informations- und Bildungszwecken und sind keine medizinische Beratung, Diagnose oder Therapieempfehlung. Viele der beschriebenen Peptide sind nicht als Arzneimittel zugelassen. Die Informationsbeschaffung und jede Anwendung liegen in der eigenen Verantwortung der Leser und erfolgen auf eigene Gefahr. Sprich vor gesundheitsbezogenen Entscheidungen mit einem Arzt.Vollständiger Disclaimer